Galerie Hans-Trudel-Haus Baden, 7. Juni – 9. Juli 2006
Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung
Zu den einzelnen Arbeiten von Aurelio Kopainig muss eigentlich gar nichts gesagt werden. Sie erschliessen sich selbst, sind genügsam und vergnüglich, mindestens auf den ersten Blick, und von der Kunst der Kunstbeschwatzung angenehm unabhängig. Gerade das macht sie so süffig. Aurelio Kopainig gelingt es, Dinge aus unserem Leben zu greifen und sie zu beseelen, so zu verrücken, dass sie zu leben beginnen, das sie pulsieren, zu eigentlichen Subjekten werden, welche Geschichten erzählen. Geschichten von Dingen aus unserem Leben, die beseelt werden und zu pulsieren beginnen, die zu eigentlichen Subjekten werden, welche Geschichten erzählen und so weiter.
So geht es mit seinen Zeichnungen. Zeichnungen, die er direkt auf Filmbilder schreibt, und so in der Art von Daumenkinos zu Bewegungen animiert. Es sind autonome Zeichnungen. Zeichnungen, die er in Diapositive ritzt. Zwei parallele Linien, die ein Gefäss, eine Leitung werden, die etwas verschlucken wie eine Schlange, die zwei werden, die sich kreuzen, die mehr werden, sich vermehren. Linien, die leben, die sich verzweigen. Linien, die - horizontal gelegt - Wellen bilden, Welt werden, eine Landschaft, ein Boot, das in der Strichflut festsitzt.
Mit ganz enorm wenig, nämlich einfach mit einem Strich, lässt sich ganz enorm viel – um nicht zufällig eine Formulierung von Meret Oppenheim zu entlehnen - hervorbringen.
Wenn Aurelio Kopainig wie hier im Trudel-Haus installativ schafft, und wenn er wie hier (und wie er vorher noch nie in diesem Ausmass die Gelegenheit hatte) sein Schaffen über mehrer Stockwerke hinweg ausbreiten kann, lassen sich immer stringenter einzelne Themenbereiche herausfiltern, die immer komplexer miteinander verwachsen. Es geht um Pflanzen und Wachsen, um Kultur und Natur.
Handfest greifbar ist das hier auf der untersten Etage zu sehen. Aurelio Kopainig hat gesät. Aurelio Kopainig ist ein Sämann. Hier könnte jetzt mit van Gogh gut die kunsthistorische Schiene eröffnet werden, von der Romantik bis Beuys, oder bis Olafur Eliasson. Das lassen wir bleiben.
„Pflanzung“ heisst die eigens für den sanft abgestuften Raum entworfene Installation. Die Pflanzungen, diese Versuchsanordnung mit vor rund einer Woche ausgesäten Samen unter künstlichem Tageslicht wird von Super-8-Kameras überwacht. An dieser Stelle greift der schwärzliche Humor in die Angelegenheit ein. Würde sich das Gesäte als Hanf entpuppen, wäre es wenigstens kontrolliert.
Die Installation ist nicht nur Installation, sondern eben auch Experiment. Und Filmsetting. Halbstündlich wird ein Bild gemacht, Tag und Nacht, während der ganzen Ausstellungsdauer. Das ergibt pro Kamera 1440 Bilder, was ihrerseits ein Film von 1 Minute Dauer ergibt. Material also, das für andere Arbeiten, andere Ausstellungen hier erzeugt, gesammelt, gepflückt wird.
Dia- und Filmprojektionen fassen denn auch den mittleren Raum zusammen. Obwohl die Bilder tonlos projiziert sind, werden sie mit dem Rattern der Diakarusselle von einem fast konzertanten Rhythmus begleitet. Sehnsucht und Poesie breiten sich aus. Bäume und Häuser aus aller Welt sind zu diesem mehrstimmigen Stück zusammengestellt. Aurelio Kopainig reist viel. Die letzten Monate verbrachte er in Xiamen, in China. 12 Bilder aus Wohnquartieren hat er davon mit nach Baden gebracht. Die eigentlich paradoxen Bemühungen der Menschen um Naturalisierung der Kultur und um Kultivierung der Natur lassen sich überall beobachten. Der Film mit dem Sturm, der zwischen die Diaprojektionen aus China und die 40-teilige Sammlung von Haus-Baum-Beziehungen eingeschoben ist, kristallisiert die Kraft der Natur und der Drang zur Kultur elementar heraus. Der Kontrast zur Ruhe im Innern und zur Konzentration der Schachspieler lässt die Szene ins Surreale kippen. Der Link zu Duchamp liegt auf der Hand. Ist die Szene inszeniert, der Sturm überhaupt echt? Oder ein filmischer Trick? Schliesslich beruht auch „Horizontfilm“, der wundersame Naturerscheinungen zum besten gibt, auf chemischen Prozessen, die Aurelio Kopainig durch gezielte Eingriffe auf den Filmstreifen während dem Entwicklungsprozess erreicht hat.
Solche Vermischungen und Irritationen interessieren den Künstler nicht nur im Inhalt, sondern auch in der Verwendung der Mittel. Nicht nur, dass er sich verschiedener Mittel bedient, dass er zeichnet, filmt, fotografiert, Installationen baut. Er macht das eine mit dem anderen und bringt die längst aufgelösten Gattungsgrenzen so richtig „zrunteropsi“. Die Installation ist Experiment, der Film über Naturwunder ist pure Chemie, die Zeichnungen sind Diaprojektionen, die Fotos Fundstücke.
Auf den grossen Papierbogen mit den Notationen in Wort und Bild, wie sie im obersten Stockwerk gehängt sind, kommt alles zusammen. Hier lässt sich so etwas wie eine Systematik der Assoziationen erahnen, die Aurelio Kopainig in fast wissenschaftlich zu nennendem Schweifen betreibt. So dass die Verstrickung von „betreiben“, „Treibholz“ und „durchtrieben“, bis zum „Treibhauseffekt“, die Zusammenhänge von „Hinterhalt“ und „vorderhand“ oder gar von Zellulitis und Appenzell unerwartet selbstverständlich werden – mit all den Widersprüchen, die sich einstellen, wenn die lineare Logik zu Gunsten des assoziativen Denkens ausgeschaltet ist. Und wie die Wörter sich in den offengelegten Gedankenprozessen wandeln, die Wortketten wachsen und neue Ableger von Geschichten bauen, entwickeln auch die Bilder eine Art Etymologie des Visuellen und geben preis, wie aus einem Strich Monitore wachsen, die wie Luftballone – oder Samen - davon fliegen.