JUMP 2008



Springen und Kriechen Ausstellung «Escape to jump» in der Galerie Paul Hafner Springen heisst fliegen, schweben und fallen. Es gibt den wunderbaren Moment des Abhebens, dann den höchsten Punkt, manchmal mit Aussicht, bis es schliesslich wieder abwärts geht. Springen ist eine intensive, den ganzen Körper erfassende Bewegung.Oft haftet ihr etwas Zufälliges, etwas Unvorhersehbares an. Wenn Kinder springen, besonders auf einem Trampolin, wirken ihre Bewegung zur Sorge der Mütter nicht selten wild und unkontrolliert. Diese Impulsität, diese intensiven Momente reizen Alexandra Maurer. Für ihr Video «Jump» schickt die St. Galler Künstlerin aber nicht Kinder, sondern eine junge Frau aufs Trampolin. Auch die Erwachsene gibt sich völlig der Bewegung hin. Sie spingt hoch hinaus, mal verschwindet sie ganz aus dem Auge der Kamera, mal ist nur der wehende Rock zu sehen, dann wieder das Gesicht in Nahaufnahme. Synthese zweier Medien Diese Dynamik wird unterstützt durch wechselnde Bildmedien, denn auf dem Flachbildschirm läuft nicht einfach ein Videofilm: Alexandra Maurer filmt ihre Akteure zwar zunächst, dann aber durchläuft die Aufnahme mehrere Bearbeitungsstufen. (...) Nach dem Bearbeitungsprozess werden die Einzelbilder wieder zu einer Sequenz zusammengeführt. Nun mischen sich Filmstills, übermalte Standbilder und pure Malerei. Alexandra Maurer gelingt die Synthese zweier Medien. Das immer wieder postulierte Niederreissen der Gattungsgrenzen- hier wird es Realität. Das gilt nicht nur für «Jump», wo das Video Anfangs-und Endstufe der Arbeit darstellt, die Malerei ein Zwischenschritt ist, sondern auch für « ESCAPE». In der Galerie Paul Hafner überziehen die Blätter dieses Werkes zwei ganze Wände. Auch hier war der Anfangspunkt die Arbeit mit einer Schauspielerin. Sie war angehalten, chararkteristische Bewegungen des Fliehens auf dem Boden zu zeigen. Sie kroch, als müsste sie jemandem oder etwas heimlich und schnell entkommen, und Maurer filmte sie dabei. Wieder wurde das Video anschliessend in Einzelbilder zerteilt. Diese Stills sind nun aber vollständig in Malerei übersetzt. Eindringliche Wiederholung Nahtlos hängt Bild an Bild in fünf Reihen übereinander. Dabei entstehen einzelne Handlungsabläufe. Zu Beginn jeder Reihe ist der Körper in starker Verkürzung nahezu vollständig zu sehen, das letzte Bild zeigt jeweils den Kopf in Grossaufnahme. Ein wichtiger Auspekt der Arbeiten ist, dass Maurer nicht etwa auf fotorealistische Art die Vorlagen kopiert, sondern sich alle Freiheiten lässt. Zuerst fällt der Komplementärkontrast ins Auge- von rotem Kleid zu grünem Haar. Die Farbe wurde sehr nass aufgetragen, die zerfliesst, läuft in roten Tropfen über das Blatt, nicht selten an Blutspuren erinnernd. überhaupt haben die Bilder etwas Beklemmendes. Die direkten Blicke, die Nähe, die expressiven Bewegungen strahlen hohe emotionale Intensität aus. Auch die Menge der Bilder, der zwar variierende, aber ständig sich wiederholende Ablauf von der anfänglichen Gesamtaufnahme,wo die Figur vom Weiss des Blattes umgeben ist, bis hin zu dem Kopfdetail, wenn die Farbflächen dominanter sind als die gegenständliche Darstellung, wirkt eindringlich. Alexandra Maurer gibt keiner der beiden verwendeten Techniken den Vorzug, ganz gleich, ob die Malerei dabei direkt in einen Film zurückübersetzt wird oder sich die bemalten Blätter allein durch die Anordnung zu einem filmischen Ablauf fügen. Malerei und Film stehen gleichberechtigt nebeneinander, sind ineinander verwoben, und der Betrachter kann selbst erspüren, welches Medium ihn unmittelbarer anspricht. (in : St.Galler Tagblatt, Regionkultur, 30. August 2007, von Ullrike Henke)



Es geht um Themen wie Einsamkeit, Gewalt, Verletzung, Verausgabung, Verzweiflung, Wahn in einem ebenso individuellen wie weltlastigen Ausmass. In dramatischer Übersteigerung setzt Alexandra Maurer die Mittel ein. Ihre «Peintures animées» fügt sie zu Filmschlaufen mit Tonspur. Oder löst daraus Filmstills, die sie wiederum zu Bildsequenzen zusammenführt. Das Vorgehen ist ebenso einfach wie aufwändig. Mit einer Videokamera filmt Alexandra Maurer Szenen, die Tänzer und Schauspielerinnen in ihrem Auftrag umsetzen. Anschliessend wählt sie einzelne Bilder aus, projiziert und malt sie auf Papier. In einem weiteren Durchgang filmt sie die gefilmten und gemalten Bilder ab und setzt sie am Computer zu berückenden Schlaufen von existenzieller Dichte zusammen. Die teilweise eingesetzte Tonspur und der Rhythmus unterstreichen die Dynamik der präzisen Choreografien. Mit der Installation «muro» ist Alexandra Maurer (*1978 in St. Gallen), die ihr Studium an der Ecole Supérieure des Beaux-Arts in Genf abschloss, erstmals ins Bewusstsein einer interessierten Öffentlichkeit getreten. Wie «muro» ist auch «Escape» eine Doppelprojektion, die allerdings in der St. Galler Galerieausstellung «Escape to Jump» als Bildinstallation zu sehen ist. Entstanden ist «Escape» aus einer Performance mit den Schauspielerinnen Aline Gampert und Lasa Morand und in Zusammenarbeit mit der Regisseurin Sandra Amodio. Weitere Stills aus «Escape 1» geben einen Eindruck vom Variationsreichtum und Entwicklungspotenzial der Arbeit Maurers. Zentrum der Ausstellung aber ist «Jump». Eine Frau (Radhia Happes) springt in endlosem Antrieb in die Höhe. Die Nahsicht und der rasche Wechsel der Bildfolgen, die im Hintergrund mal ein Stück Innenraum, mal Leere zeigen, lassen über mögliche Beweggründe, Ort und Umfeld im Unklaren. Ausdruck von Freude wird von Schmerz und Schrecken überlagert, Euphorie und Qual berühren sich. Es sind beharrliche Befragungen menschlicher Bedingungen in einer medialen Synthese von Tanz, Schauspiel, Performance, Video, Film, Malerei, Fotografie. Seit einiger Zeit bietet die Galerie Paul Hafner mit «east drive» jungen künstlerischen Positionen mit Ostschweizer Verbindung einen Platz, ihr Schaffen vor Ort vorzustellen. So konnte man Peter Stoffel, Emanuel Geisser, Karin Bühler oder Vera Marke in der über der Kunst Halle gelegenen Galerie bereits begegnen. Erstmals wird im Rahmen von «east drive» eine Einzelpräsentation ausgebreitet. Ferner war Alexandra Maurer an «Videoskulptur 07», dem Kulturweg Baden-Wettingen-Neuenhof beteiligt. Bis: 13.10.2007 Ursula Badrutt Schoch in: BESPRECHUNG Kunstbulletin, NR.10, 2007



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